Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit verhindern

Aktuelles
, 7. Oktober 2025

Bereits im Sommer 2025 wurde bekannt: Petri & Eichen, eine der zentralen Trägergesellschaften der Kinder- und Jugendhilfe in Bremen, ist insolvent. Die diakonische Gesellschaft war 2020 aus der Fusion der traditionsreichen Stiftungen Alten Eichen und St. Petri Waisenhaus sowie weiterer Einrichtungen hervorgegangen – mit dem erklärten Ziel, Kräfte zu bündeln und die soziale Arbeit in Bremen zu stärken.

Doch die Realität sieht anders aus: Der neue Gesellschafter, die Stiftung für Kinder-, Jugend- und Soziale Hilfen (KJSH), übernimmt nur die wirtschaftlich tragfähigen Bereiche – stationäre und ambulante Hilfen zur Erziehung. Die vier Kindertagesstätten von Petri & Eichen konnten nur mit erheblichem Druck an andere Träger übergeben werden. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OJA) dagegen bleibt weitgehend auf der Strecke.

In Horn-Lehe muss das örtliche Jugendhaus nun unter großem Zeitdruck einen neuen Träger finden. Besonders dramatisch ist die Lage im Stadtteil Osterholz: Wie der Weser-Kurier am 6. Oktober 2025 berichtete, droht dort ein „Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit“.

Von der drohenden Schließung betroffen sind insbesondere die präventiven, niedrigschwelligen und sozialräumlichen Angebote – genau jene Bereiche, die Kinder und Jugendliche frühzeitig erreichen und stärken sollen. So stehen der Fitpoint, der Kinderbauernhof, das Jugendhaus Tenever, das alkoholfreie Jugendcafé und das Projekt „Guckmal“ vor dem Aus. Sollten diese Einrichtungen bis Ende des Jahres keinen neuen Träger finden, liegt die offene Kinder- und Jugendarbeit in einem der kinderreichsten und zugleich sozial belasteten Stadtteile Bremens nahezu brach.

Für die Kindertagesstätten sowie die stationären und ambulanten Hilfen haben sich Nachfolgeträger gefunden – hier existiert eine garantierte staatliche Refinanzierung, wenn auch mit Schwächen im System. Die offenen und präventiven Angebote jedoch fallen in den sogenannten „Zuwendungsbereich“, der seit Jahren chronisch unterfinanziert ist. Zusätzlich sind zuletzt wichtige ESF-Mittel weggefallen, die viele Projekte der offenen Kinder- und Jugendarbeit unterstützten. Die Folge: Die finanziellen Spielräume für präventive Angebote werden immer enger.

Die jetzige Krise kam nicht überraschend. Seit Jahren treten Beiräte, Träger und alle an der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Beteiligten dafür ein, diese Arbeit angemessen zu stärken – bisher vergeblich.

Bereits lange vor der Insolvenz wurde immer wieder auf die falschen Schwerpunktsetzungen in der Bremer Jugendhilfe hingewiesen:
Die durch Finanzierungszwänge erzeugte einseitige Gewährleistung der stationären und individuellen Hilfen bei gleichzeitiger Vernachlässigung der präventiven, offenen, niedrigschwelligen und sozialräumlichen Arbeit hat systemische Gründe, die vom SGB VIII eigentlich nicht gedeckt sind. Der Geist des Kinder und Jugendhilfegesetzes ist weiterhin durchdrungen vom sog. „lebensweltorientierten Ansatz“, der die Entwicklungsbedingungen  von Kindern und Jugendlichen innerhalb ihrer „Lebenswelt“, also innerhalb ihrer Quartiere und familiären Zusammenhänge stabilisieren soll.  Die Folgen dieser Schieflage sind nun unübersehbar: Wo präventive Strukturen fehlen, steigen langfristig die Kosten und soziale Probleme nehmen zu.

Was jetzt dringend ist:

  • Die KJSH muss nachbessern und auch die offenen, sozialräumlichen Projekte übernehmen.
  • Die Finanzierung der Kinder- und Jugendarbeit muss endlich bedarfsdeckend, planbar und langfristig gestaltet werden.

Nur so kann Bremen verhindern, dass soziale Verantwortung betriebswirtschaftlichen Interessen geopfert wird – auf Kosten der Kinder und Jugendlichen.

Die offene Kinder- und Jugendarbeit ist keine freiwillige Leistung, sondern ein Grundpfeiler sozialer Gerechtigkeit und Prävention. Sie darf nicht weiter heruntergewirtschaftet werden!


Nesim Arslan (BSW, Beirat Osterholz)
Manfred Steglich
(BSW, Beirat Horn-Lehe)

Hierzu auch die Pressemitteilung „Petri & Eichen zieht sich aus dem Jugendhaus Horn-Lehe zürück“

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